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Anti-Mafia Projekt 2014

Teilnahme am Workcamp „estate liberi“ in Marina di Cinisi 27.07. – 03.08.2014:

Am frühen Sonntagmorgen trafen sich 13 muntere Schülerinnen der Jahrgangsstufe 1 und zwei Lehrkräfte aus dem JKG Antimafia Camp; Sizilien 2014Leonberg und dem Gymnasium Renningen am Bahnhof Leonberg, um nach Sizilien aufzubrechen zu einem Antimafia-Camp in der Nähe von Palermo. Vorausgegangen war im Jahr 2012 eine Reise, organisiert von Frau Klose, Herrn Vetrano und Linda Vetrano zur Schulung der Lehrer und Kontaktaufnahme mit Antimafia-Organisationen.

Um 15.00 Uhr nachmittags kamen wir in Palermo bei schwülwarmen Wetter und gefühlten 30 Grad Celsius am Flughafen Falcone und Borsellino an. Der Fahrer des kleinen Buses, pulmino genannt, verwickelte uns gleich in ein Gespräch auf Sizilianisch über Deutschland und „la Merkel“ und ihre Austeritätspolitik.
Beim Ausstieg am Zielort in Marina di Cinisi waren wir erst einmal geschockt. Am Straßenrand türmten sich blaue und schwarze Müllsäcke und „stanken förmlich zum strahlend blauen Himmel.“ Am Ende der kleinen Stichstraße lag unsere Kooperative. Ein Schild am Eingang verweist darauf, dass es sich um einen von der Mafia konfiszierten Besitz handelt, in unserem Falle wurde das Gelände von einem Baulöwen Vincenzo Piazza konfisziert und dem Gesetz „Rognoni – la Torre“ (1982) gemäß sozialen Zwecken zugeführt. Über das Gelände verstreut befanden sich mehrere kleine, schlicht möblierte Häuschen, die in dieser Woche 72 Jugendliche deutsch-italienischer Herkunft beherbergen sollten.  Neben den Gruppenunterkünften gibt es noch das Haupthaus mit Küche, Büro und Waschküche. Gegessen wird im Freien unter schattigen Pinien.

Nach Bezug unserer Zimmer bestaunten wir die Kaltwasser-Freiluftdusche und verschafften uns einen Überblick über dasAntimafia Camp; Sizilien 2014 Gelände. Unser Blick blieb an Anti-Mafia-Sprüchen an den Häusern hängen, mit denen frühere volonteers die einfachen Gebäude verschönert hatten. Am Nachmittag traten wir zu Fuß den Weg zum nahegelegenen Meer an, der auch hier gesäumt war durch allerlei Unrat am Straßenrand.
Die angenehme Wassertemperatur des türkisfarbenen Meeres versöhnte uns mit der allgemeinen Lage. Es sollte in den folgenden Tagen noch häufig in den wenigen freien Stunden unser Ziel sein, wenngleich der herumliegende Müll wie alte Flaschen, Scherben, Plastikgeschirr, Bettroste, verschwelte Matratzen bei uns auf Missfallen und Unverständnis stieß. Am ersten Werktag war der komplette Vormittag nach einem italienisch kargen Frühstück mit Tee, Kaffee und Biscotti Aufräum- und Putzarbeiten der Gemeinschaftsräume gewidmet und gegen 12.30 Uhr der Vorbereitung des Mittagessens aus Pasta, Salat und Melone, das jeden Tag gegen 13.30 Uhr eingenommen wurde.

Am späteren Nachmittag nach ausgiebiger Siesta fand gegen 17.00 Uhr eine Fortbildung (formazione) unter freiem Himmel statt, bei der die fünf Gesellschafter der Kooperative Libera mente uns über Geschichte, Struktur und Zielsetzung ihres Projekts informierten. Libera mente ist eine Kooperative unter dem Dachverband Libera Terra, die seit drei Jahren Projekte mit Freiwilligen aus Italien und dem europäischen Ausland durchführt, die bei einer nationalen Ausschreibung der Firma Enel bereits zu den 10 Favoriten zählte. Sehr schnell wurde uns allen klar, dass trotz hervorragender Antimafiagesetze aufgrund der Infiltration der Mafia in Politik und Wirtschaft der Süden Italiens von Clanchefs der Cosa Nostra dominiert wird.

Im Lauf des Montags trudelten dann auch die beiden italienischen Gruppen aus Bergamo und Gemona mit ihren Antimafia Camp; Sizilien 2014Begleitlehrern ein und das Abendessen unter dem Sternenhimmel wurde ein lauter und lustiger Kampf ums Büffet.
Am Dienstagmorgen wurden die anfallenden Aufgaben vorgestellt und nach eigenen Interessen verteilt: Strand reinigen, Piniennadeln zusammenkehren und verbrennen, Malerarbeiten in den Unterkünften und im Empfang, Putzen und Küchenarbeiten sowie Mithilfe auf den ca. 3 ha großen Feldern mit Melonen, Auberginen, Zucchini und Zitronen. Einige Schüler waren enttäuscht, hatten sie doch damit gerechnet, vorwiegend bei Feldarbeiten mithelfen zu können. Auch war uns zu Beginn nicht klar, worin bei einzelnen Tätigkeiten der Beitrag zur Bekämpfung der Mafia bestand. Am Nachmittag wurden an den Arbeitstagen Vorträge in italienischer Sprache von Angehörigen von Mafia-Opfern oder aber Überlebenden von Mafia-Attentaten gehalten. Obgleich sprachlich sehr anspruchsvoll, verschafften diese Zeugnisse den Schülern einen sehr emotionalen Zugang zum Thema Mafia, was sich bei der Feedbackrunde und beim abendlichen Ausformulieren der Tagebucheinträge zeigte. Stellvertretend für all die Vorträge und menschlich bereichernden Begegnungen sei hier der erste Vortrag genannt: Giovanni Impastato, der Bruder von Giuseppe Impastato, stammt aus einer Mafia-Familie in Cinisi. Nachdem sein rebellischer Bruder Giuseppe aufgrund anhaltender Kritik an den mafiösen Machenschaften des örtlichen Bosses Tano Badalamenti von der Mafia in die Luft gesprengt worden war, hat Giovanni sein Leben in den Dienst der Erinnerung an Leben und Wirken seines Bruders gestellt. Er besucht Schulen im In- und Ausland und legt Zeugnis ab vom Kampf gegen die Mafia.

Unterbrochen wurden die langen Arbeitstage – am Abend wurden noch thematisch passende Spielfilme gezeigt- durchAntimafia Camp; Sizilien 2014 zwei Ganztagesexkursionen nach Palermo und Cinisi. Am Mittwoch fuhren wir mit unseren neu erworbenen Libera-T-Shirts nach Palermo, um symbolische Orte und Mitglieder der Antimafia-Bewegung kennenzulernen. Vor dem Justizpalast lasen wir stumm die lange Liste der Mafia-Opfer und standen beeindruckt vor dem „albero di Falcone“ von den Zeugnissen italienischer Schüler und ihrer Würdigung des Richters Falcone, der 1992 einem Attentat der Mafia zum Opfer fiel. Nach einer Stärkung in einer Rosticceria stand ein Vortrag eines Libera-Führungsmitgliedes zur Entstehungsgeschichte von Libera Terra und ihrem Wirken in der Gegenwart auf dem Programm. Libera, 1995 von dem Priester Don Luigi Ciotti gegründet, umfasst ca. 70 Organisationen unter ihrem Dach. In den 35 Landwirtschaftskooperativen werden Bio-Produkte hergestellt, die über die Supermarktkette COOP und über eigene Läden vertrieben werden. Neben dieser Arbeit ist die Aufklärungsarbeit in Schulen ein wichtiger Teil des Wirkens von Libera, die bewusst eine Alternative für Jugendliche, außerhalb der Mafia Brot und Arbeit zu finden, aufzeigen will. Die teilweise sehr emotional und erregt geführte Diskussion führte uns lebhaft vor Augen, wie tief der Graben zwischen dem Norden und Süden des Landes immer noch ist.

Am Samstag beeilten wir uns am Vormittag schnell die Koffer zu packen, die Gemeinschaftsräume zu putzen, um noch ein letztes Bad im Meer nehmen zu können. Am Nachmittag dann folgte einer der Höhepunkte der Reise, der Besuch in der „Casa Memoria“ der Familie Impastato in Cinisi. Durch Mitglieder des früheren Kulturkreises von Peppino Impastato wurden wir durch sein Geburtshaus – heute ein Museum und eine Begegnungsstätte – geführt. Wir gingen eigenhändig die 100 Schritte, auf der Straße markiert durch bunte Keramikfliesen, die von der Casa Memoria zum Haus des Mafiabosses Tano Badalamenti führen. Eine Fotoausstellung informierte über Leben und Sterben der jugendlichen Identifikationsfigur. Später besuchten wir noch den Ort, an dem Peppino in der Nacht zum 9. Mai 1978, auf Eisenbahnschienen gefesselt, durch Sprengstoff einen einsamen, grausamen Tod starb, mit dem die Mafia ihren Gegnern zeigen wollte, dass sie in ihren Augen null und nichtig sind. Die sonst so munteren Gespräche der Schüler erstarben angesichts der Ungeheuerlichkeit dieser Tat, deren Urheber erst 20 Jahre später seiner gerechten Strafe zugeführt wurde.
Erst am Abend beim Besuch des Touristenortes Terrasini und beim Bummel über die Piazza  – gelato inclusive –  sowie einem nächtlichen Bad einiger mutiger Schüler hatten wir unsere Unbefangenheit wiedergefunden.
Am nächsten Morgen hieß es nach wortreichem Abschied von den Italienern „Arrivederci, Marina di Cinisi“.
Die Beispiele gelebter Zivilcourage, die wir in dieser ereignisreichen Woche kennenlernen durften, werden noch lange in unseren Köpfen und Herzen präsent sein und vielleicht wird die ein oder andere Schülerin noch einmal nach Sizilien zurückkehren, um einen Beitrag zu leisten beim Aufbau des  „anderen Italiens“ .

Doris Demel im September 2014

Anstehende Termine

  1. 2.GLK

    Mo, 7.12. , 15:40 - 17:30
  2. Unterstufen-Weihnachtsturnier Stufe 5-6

    Fr, 18.12.
  3. Weihnachtsferien

    Mi, 23.12.2020 - So, 10.01.2021
  4. 4er Infotag

    Fr, 5.02.2021 , 14:30 - 17:00
  5. Faschingsferien

    Sa, 13.02.2021 - So, 21.02.2021